Christophe Hohler: « Le pèlerin » 2023 peinture sur toile 97/130 cm | Raymond E. Waydelich: «Sans titre» 2015 lithographie retravaillée à l’écoline 56/76cm
Vom 5 APRIL bis 31 AUGUST 2025
Vom 6 bis 7 SEPTEMBER 2025 von 13H bis 18H
Vom 13 bis 14 SEPTEMBER 2025 von 13H bis 18H
Vom 19 bis 21 SEPTEMBER 2025 von 11H bis 18H

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Christophe Hohler et Raymond Waydelich

„In Zukunft wird jeder 15 Minuten weltberühmt sein“, prognostizierte der US-amerikanische Pop-Art-Künstler Andy Warhol 1968. Fünf Jahre später entdeckte Raymond E. Waydelich das Tagebuch der längst verstorbenen Schneiderin Lydia Jacob, die zeitlebens davon geträumt hatte, eine große Modeschöpferin zu sein. Von Stund an signierte er seine Werke nicht nur mit seinem, sondern auch mit ihrem Namen. Posthum erlangte die unbekannte Lydia Jacob Berühmtheit, vertrat mit ihrem Alter Ego Waydelich 1978 sogar Frankreich auf der Biennale in Venedig.

Auch Christoph Hohler entreißt seine Figuren der Anonymität. Er zeigt Momentaufnahmen von Menschen, die er live oder vom TV-Bildschirm abfotografiert und die erst in seinen Gemälden Bedeutung erlangen. Sie entwickeln eine eigene Dynamik, isoliert aus ihrem ursprünglichen Kontext, erzählen sie eine neue Geschichte.

Die Ausstellung in der Fondation Fernet-Branca präsentiert Christophe Hohlers großformatige Menschenbilder, für die er seit Jahrzehnten berühmt ist, aber auch eine eher unbekannte Seite des Künstlers: Seine Gemälde von Blumen und Bäumen sind eine Reminiszenz an die Kindheit im elsässischen Sundgau. Weitere Themenwelten sind Boote/ Fischerei und die Musik, mit denen sich auch Raymond E. Waydelich auseinandergesetzt hat. Zu ersterer sind von Hohler Acryl-Öl-Pigment-Malerei sowie Skulpturen aus Gusseisen und Terrakotta zu sehen, von Waydelich Mixed-Media-Arbeiten. Musik spielt eine wichtige Rolle im Leben von Christophe Hohler, der bereits als Junge Klavier und Orgel spielte. Während Performances malt er Klaviersaiten-Abdrücke auf einem Flügel ohne Deckel oder improvisiert zu klassischer Musik. Auf Raymond E. Waydelich übte die Erfindung der Schallplatte und die Entwicklung des Tonträgers stets eine große Faszination aus.

In der Fondation Fernet-Branca sind viele frühe Werke von Raymond E. Waydelich ausgestellt, darunter mehr als dreißig Objektkästen, die das Leben von Lydia Jacob und ihrer imaginären Verwandtschaft thematisieren. Seine Arbeiten zur „Archäologie der Zukunft" sowie die künstlerische Aufarbeitung von Reisen nach Antibes, Kreta, Kanada oder Namibia (Keramiken, Zeichnungen, Radierungen, Aquagravures) belegen die Vielfalt des Straßburger Multi-Media-Künstlers. Anfang der 2000er-Jahre begann Waydelich, Reproduktionen alter Meister zu übermalen und schuf damit seine sogenannten „Memory Paintings“. In Saint-Louis sind u.a. zwei Variationen von Jean-François Millets „L’Angelus“ zu sehen; Waydelich modernisierte sie mit Vögeln, Flugzeug, Motorrad und Krautköpfen. Sie gehen in Dialog mit einem Triptychon, das Christophe Hohler 2024 ebenfalls dem Angelusläuten widmete. Wie schon bei Millet im Jahr 1859 tritt hier ein unbekanntes Paar, gezeichnet durch die Mühsal der Feldarbeit, aus der Anonymität heraus – und erlangt Berühmtheit.

Christophe Hohler

Für den Künstler ist die Ausstellung in der Fondation Fernet-Branca ein Heimspiel. Sein Atelier in der ehemaligen Synagoge von Hagenthal-le-Bas liegt nur wenige Kilometer entfernt. Hier entstehen seine großformatigen Arbeiten aus Acryl-, Öl- und Pigmentfarben auf Leinwand, aber auch Zeichnungen (Kohle, Aquarell, Tusche), Radierungen und Zinkografien sowie filigrane Terrakotta-Skulpturen. Motiv ist überwiegend der Mensch, einzeln, in Zweier-, Dreier- oder großen Gruppen. Auffallend ist, dass Hohlers Figuren anhand ihrer Kleidung keiner Zeit zuzuordnen sind, ebenso wenig geben die Hintergründe oder Umgebungen Aufschluss über ihren Aufenthaltsort. Der Betrachter weiß weder, woher sie kommen noch wohin sie gehen. Reduziert auf Körperhaltungen, Bewegungen, Gesten und Blicke, zählt für sie kein Haben, nur noch das Sein. Kommt es doch zu einer Konfrontation, ist es die raue Natur in Form einer kargen Landschaft oder von schwarzblauem Meer. Ruhe findet der Betrachter in den menschenleeren Waldbildern und er erkennt Beschwingtheit und Lebensfreude in Arbeiten, die zu Musik entstanden sind. So düster sein Werk bisweilen auch anmuten mag: Christophe Hohler feiert die Existenz und lädt zu einer intimen Reflexion über das Menschsein ein. 

Biografie von Christophe Hohler

25.04.1961: geboren in Basel/CH, aufgewachsen in Neuwiller/F, besitzt die französische und Schweizer Staatsangehörigkeit
1977-1981: Ausbildung zum Offsetdrucker, Kurse an der Kunstgewerbeschule in Basel/CH
1983-1988: Studium an der École des Arts Décoratifs, Straßburg/F
Seit 1997: Ausstellungen in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland, Norwegen, Dänemark, Großbritannien, Italien, Belgien, Kanada und den USA 
Seit 2004: Atelier in der ehemaligen Synagoge in Hagenthal-le-Bas/F
Seit 2012: Performances zu Malerei und Musik

Raymond E. Waydelich

Das Anwesen mit Fachwerkhaus, eigener Kapelle und Atelierwerkstatt in Hindisheim war jahrzehntelang Raymond E. Waydelichs Kreativzentrale. Als er es kaufte, war er bereits berühmt, hatte im französischen Pavillon auf der Biennale in Venedig das Environment „Homme de Frédehof“ präsentiert und damit die „Archäologie der Zukunft“ eingeläutet. Um Alltagsgegenstände vor dem Vergessen zu bewahren, begann er, sie an öffentlichen Plätzen in Betonkammern zu konservieren. Die „Lydia Jacob Story“ nutzte Waydelich, um selbst ernste, schwerwiegende Themen wie Umweltzerstörung oder die Bedrohung indigener Völker mit poetischer Leichtigkeit zu transportieren. Hierfür wählte er Objektkästen, „Mémorisations“ genannt, die er scheinbar spielerisch bestückte. Im Herzen ein Elsässer, liebte er es, sich von der Welt inspirieren zu lassen. Er reiste zu Ausgrabungsstätten und erforschte fremde Kulturen. Seine Fantasie und Schaffenskraft kannten keine Grenzen. Als Waydelich im August 2024 starb, hinterließ er neben seiner bekannten grafischen Kunst ein großes multi-mediales Werk, aus dem die Fondation Fernet-Branca wichtige Positionen zeigt.

Biografie von Raymonf E. Waydelich

14.09.1938: geboren in Straßburg-Neudorf/F
1952-1953: Ausbildung zum Holzbildhauer in der väterlichen Werkstatt
1953-1957: Studium an der École des Arts Décoratifs, Straßburg/F
1957-1959: Studium an der École nationale supérieure des Arts Décoratifs, Paris/F
1959-1962: Armeefotograf in Algerien
Seit 1974: Ausstellungen in Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Schweden, Dänemark, Belgien, Griechenland, Argentinien, Japan und den USA
1978: Vertreter Frankreichs auf der Biennale in Venedig/I
Seit 1978: Werke in Sammlungen und im öffentlichen Raum
Seit 1984: Installationen und Projekte zur Archäologie der Zukunft, u.a. im Rahmen der documenta X 1997 in Kassel/D
09.08.2024: gestorben In Straßburg/F

Führungen

Eintritt 8€ und kostenlose Führungen in französischer Sprache in Anwesenheit des Künstlers: 03/08/25 und 24/08/25. Jeweils um 14:30 Uhr.

Die Führung am 20. Juli wurde abgesagt und auf den 3. August verlegt.


Vernissage
Vernissage am 4. April um 19 Uhr
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