Mit Aurora Király. Parcours de regards zeigt die Fondation Fernet-Branca die erste institutionelle Einzelausstellung von Aurora Király (1970) in Frankreich. Die in Bukarest lebende Künstlerin erkundet seit mehr als 30 Jahren das Verhältnis von Bild, Erinnerung und der gesellschaftlichen Konstruktion des Sehens. Als wichtige Stimme der zeitgenössischen Kunst des östlichen Europa, macht sie jene Geschichten sichtbar, die lange unerzählt blieben. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage nach codierter weiblicher Arbeit und dadurch verkörperten Erfahrungen.
Eigens für die Räumlichkeiten der ehemaligen Fernet-Branca-Destillerie konzipiert, entfaltet sich die Ausstellung als ein Parcours durch die Ebenen der Industrie, der häuslichen Architekturen und der gesellschaftlichen Strukturen. Sie ist eine Suche nach den Spuren, die diese Sphären dem weiblichen Körper einschreiben.
An der Schnittstelle von Fotografie, Textil, Skulptur und Installation verwandelt Aurora Király Bilder in räumliche und physische Begegnungen. In einer der grossformatigen Arbeiten erscheinen weibliche Silhouetten als weiche, tanzende Präsenzen und erzählen von gesellschaftlichen Rollen, die durch Zeit und Kontext geformt wurden. Aufnahmen aus ihrem persönlichen Archiv führen die Besucher:innen in intimere Innenräume und öffnen darin eine autobiografische Dimension. Fotografische Objekte, inspiriert von frühen Kameras und von den Formen häuslichen Mobiliars, antworten auf Architektur, Licht und Proportionen der Räume der Fondation und geben dem Akt des Sehens selbst eine Gestalt.
Ausgehend von historischen Materialien aus ehemaligen Textilfabriken in Mulhouse (FR), von Aufnahmen, die die Künstlerin in einer noch produzierenden Textilfabrik in Reșița (RO) gemacht hat, sowie von Recherchen, die sie kürzlich im Firmenarchiv von Hanro in Liestal (CH) durchgeführt hat, untersucht Aurora Király, wie Arbeit und Körper von Frauen in Werkstatt wie Haushalt geformt wurden. Das Textile, oft als „zweite Haut“ beschrieben, wird zum roten Faden und verknüpft Material und Erinnerung. Wiederholung, Struktur und Muster greifen die Rhythmen der Textilproduktion auf und zeigen den Körper als Ort von Disziplin, Widerstandskraft und Verwandlung.
In dieser Ausstellung treffen Királys langjährige Auseinandersetzung mit der Fotografie und ihre Erforschung der Textilindustrie aufeinander. In beiden Fällen steht die Materialität im Zentrum ihres künstlerischen Denkens. Indem sie dazu einlädt, innezuhalten und aufmerksam zu schauen, bekräftigt die Ausstellung Parcours de regards die Bedeutung physischer, haptischer Präsenz in einer Zeit unablässiger digitaler Bildzirkulation. Die Ausstellung verbindet lokale Industriegeschichte mit globalen Fragen rund um historisch geschlechtlich geprägte Arbeit und eröffnet einen seltenen Raum des Nachdenkens darüber, wie Bilder Erfahrung tragen, Wahrnehmung prägen und unsere Identitäten weiterhin formen.